Neues zur «Tsepamo-Studie» (Dolutegravir und Schwangerschaft)

Die Nachricht sorgte im Mai 2018 für Aufregung:
Bei einer Studie zu Geburtsschäden unter HIV-Medikamenten in Botswana («Tsepamo-Studie») fanden sich in 0.94% der Neugeborenen Neuralrohrdefekte bei Schwangerschaftseintritt unter laufender Dolutegravirbehandlung, im Vergleich zu 0.1% unter anderen Medikamenten.

Spontan würde man denken: der Fall ist klar, unter Dolutegravir sollte keine Frau schwanger werden.
Aber: solche Schädigungssignale hatten sich bis dahin in anderen (allerdings kleineren) Studien und Datensammlungen nicht gezeigt. Die Zahlen beruhten auf einer tiefen Fallzahl; eine statistische Verzerrung war (noch) möglich. 
Zudem:  Dolutegravir stand in vielen afrikanischen Ländern kurz vor der Auslieferung als wichtigster Teil einer neuen Dreifachkombination von HIV-Medikamenten. Es sollte Efavirenz ablösen, das neuropsychiatrische Nebenwirkungen haben kann und zunehmend mit Resistenzen assoziiert ist.

Was folgte?
Weltweit wurde gewarnt vor Einsatz von Dolutegravir bei Frauen in gebärfähigem Alter. Die Efavirenz - Dolutegravir -Umstellung wurde vielfach auf Eis gelegt.

Zudem wurde (endlich!) bewusst, wie stark HIV Frauen betrifft. In westlichen Ländern wird HIV oft noch als Krankheit von Männern, die Sex mit Männern haben, und von Drogenkonsumenten gesehen. Weltweit sind aber Frauen in der Mehrheit, zumeist im gebärfähigen Alter. Die Mehrheit der allein in Subsahara-Afrika 17 Mio Menschen mit laufender HIV-Behandlung -- das sind erhebliche Zahlen. In Diskrepanz dazu zeigten die Diskussionen und Entscheidungsfindungen rund um die  Tsepamo-Studie vielfach, wie wenig Mitspracherecht diese Frauen in ihren Ländern haben (Stellungnahmen z.B. auf der Welt-HIV-Konferenz 2018 in Amsterdam). 


In der Folge relativierten zwei weiteren Studien die Tsepamo-Schädigungszahlen. Dies und mathematische Modellstudien zu Vor- und Nachteilen von Dolutegravir und Efavirenz bewogen die WHO, im Juli 2019 Dolutegravir als «preferred HIV treatment option in all populations» zu empfehlen (WHO 2019).

Weitere Entwarnung kam auf der diesjährigen Welt-HIV-Konferenz (Juli 20, San Francisco/Oakland; Präsentation R. Zash):
Bei der zwischenzeitlich  ausgeweiteten Tsepamo-Studie hatte sich bei zusätzlichen Schwangerschaften unter bestehender Dolutegravirtherapie nur noch eine sehr tiefe Zahl von Neuralrohrdefekten gezeigt. In der Gesamtschau waren diese nicht signifikant häufiger als unter anderen HIV-Medikamenten.